24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Gleichstellung beginnt im Kopf: bei Männern wie Frauen

Yoreme Waltz, Dramaturgin, Festival- und Programmleitung beim Salonfestival


Bildnachweis: Claudia Ast

Bildnachweis: Claudia Ast

Eine Studie des Deutschen Wirtschaftsinstitutes kommt dieser Tage zu dem Ergebnis, dass die Frauenquote für Aufsichtsräte greife. Sie liege bei börsennotierten, mitbestimmungspflichtigen und zur Quote verpflichteten Unternehmen bei 30 %. Von einer Signalwirkung könne aber keine Rede sein, zitiert die Süddeutsche Zeitung (SZ) die Studienleiterin Elke Holst. Im quotenlosen operativen Geschäft seien weibliche Führungskräfte nach wie vor eine Seltenheit. Je größer das Unternehmen, desto seltener. Mittelgroße und kleine Betriebe und Familienunternehmen schneiden wesentlich besser ab. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Deutschen Kulturrates, finanziert durch die Beauftragte der Bundes regierung für Kultur und Medien. Im Kulturbereich sei vor allem im Mittelbau bei der Erhöhung des Frauenanteils viel erreicht worden, doch auch hier bleibe auf der Führungsebene durchaus noch sehr viel zu tun. Eine Quote wie die börsennotierter Unternehmen wird dennoch, vor allem unter Frauen, äußerst kontrovers diskutiert. „Der Weg führt nicht über neue Quoten oder die Neuerfindung der arbeitenden Frau …“ betont beispielsweise Henrike Rossbach in der SZ.

Sind Frauen also wieder zu bescheiden, zu zurückhaltend, zu wenig mutig, wie ihnen immer vorgeworfen wird? Diesmal, um eine Quote zu fordern, da Gleichberechtigung noch nicht annähernd erreicht ist.

Quoten gibt es im Arbeitsleben allenthalben. Es gibt sie nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern sie strukturieren jede Menge Auswahlprozesse in Einstellungsverfahren. Jung, direkt von der Uni oder erfahren mit Know-how: Quoten werden jederzeit akzeptiert. Aber warum nicht formulieren: „An dieser Stelle wäre es bereichernd, eine Frau im Team oder an der Spitze zu haben“. Im Kulturbereich gibt es ein einziges Feld, in dem vollständige Gleichberechtigung herrscht: in einem gemischten Chor. Zugegeben, es ist ein besonderes Modell hierarchiefreier Zusammenarbeit, sieht man einmal vom Dirigenten ab. Aber warum kann es nicht öfter wie im Chor sein? Ein Zusammenklang unterschiedlicher gleichberechtigter Stimmen? Harmonie aus individuellen Stärken und Kenntnissen?

Gleichstellung beginnt im Kopf: bei Männern wie Frauen. Und die Frage, ob man für eine bestimmte Aufgabe auch eine Frau gefunden hätte, muss man sich jeden Tag selbst stellen. Auch die Frage, wie wir alle arbeiten können und wollen, im Zusammenspiel mit einem funktionierenden und beglückenden Familienleben mit Kindern, muss täglich neu gefunden und erfunden werden.

Hier sind wir noch lange nicht am Ende unseres Weges. In diesem Sinne: Gratulation an die EUROPÄISCHEN KULTURTAGE, die das hochaktuelle Thema auf die Agenda genommen haben! Und ein Gruß zum Schluss: Mehr Chor wagen!