24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

… weil wir so sehr daran gewöhnt sind!

Sören Suchomsky, evangelischer Pfarrer, Mitglied der Landessynode


Bildnachweis: Peter Zechel

Bildnachweis: Peter Zechel

Als Christ glaube ich, dass alle Menschen gleich an Würde und Rechten geschaffen sind. Kein Mensch ist mehr wert als der andere und kein Mensch weniger. Niemand hat es verdient, wegen seiner Herkunft, seines Alters, seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung, einer Beeinträchtigung oder aus welchem anderen Grund auch immer herabgesetzt oder in den Rechten eingeschränkt zu werden. Dieser Glaube bedeutet für mich auch eine Verpflichtung: Die Verpflichtung, meinen Mund aufzumachen, sowohl für meine eigenen Rechte als auch für alle Menschen, die Ausgrenzung oder Abwertung erfahren.

Als schwuler Mann ist für mich das Thema Diskriminierung keine bloße Theorie. Ich weiß, wie es sich anfühlt, für etwas, das ich nicht selbst gewählt habe und mit dem ich niemandem schade, das aber zu mir gehört und das ich als schön erlebe, Abwertung zu erfahren. Das verletzt. Aufgrund dieser Erfahrung kann ich mich auch einfühlen in Menschen, die aus anderen Gründen Ausgrenzung oder Abwertung erfahren. Ich finde es zum Beispiel schlimm, wenn die Rechte transsexueller Menschen als belanglos dargestellt werden, nur weil es nicht so viele davon gibt. Jede Diskriminierung ist immer ein Angriff auf die Würde des Menschen und jede Abwertung eines einzelnen Menschen trifft deshalb zugleich uns alle. Und darum müssen wir auch alle dagegen aufstehen. Es gibt kein geschichtliches Gesetz, dass die Gesellschaft immer fortschrittlicher wird. Freiheit und gleiche Rechte kann es nur dort geben, wo Menschen dafür einstehen und dafür kämpfen.

Dafür braucht es aber auch Sensibilität. Es gibt im Alltag viele Ungleichbehandlungen, die wir oft gar nicht wahrnehmen, weil wir so sehr daran gewöhnt sind. Ich finde es nicht akzeptabel, dass Mann-Sein oder Weiß-Sein in unserer Gesellschaft immer noch irgendwie ein Vorrecht ist. Aber trotz großer Fortschritte ist das männliche Geschlecht in Filmen, in Talkshows oder in wirtschaftlichen Führungspositionen immer noch viel stärker repräsentiert als das weibliche. Kaum jemandem fällt negativ auf, wenn in Filmen wie „Der Herr der Ringe“ es teilweise eine Dreiviertelstunde dauert, bis das erste Mal eine Frau auftaucht. Umgekehrt ist das kaum vorstellbar. So etwas geschieht sicher ohne böse Absicht. Aber es ist nicht ohne eine böse Wirkung. Mädchen und Jungen lernen durch solche Beispiele von früh an, dass die Geschichten von Frauen weniger wichtig sind. Aber das sind sie nicht. Als Mann will ich solche Vorrechte nicht. Ich möchte lieber in einer Gesellschaft leben, in der Menschen nach dem beurteilt werden, was sie tun und was sie von ihrem Inneren zu erkennen geben, als nach ihrer Zugehörigkeit zu einem Geschlecht.