24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Gerechtigkeit wird gefühlt

Malika Reyad, Sängerin und Produzentin der Karlsruher Schlosskonzerte


Bildnachweis: Paul Lesourd

Bildnachweis: Paul Lesourd

Wir Menschen sind wie Perlen an einer Kette, unterschiedliche Perlen, weil wir individuelle Wesen sind. Das Wichtigste aber sieht man nicht: Den Faden, der die Perlen verbindet. Scheich Khaled Bentounes, spiritueller Lehrmeister des Sufi-Ordens Alawiyya, sagte das bei einem Vortrag, den ich besucht habe.

Der Faden, der uns verbindet: Wir spüren ihn durch einen Blick, einen Ausdruck, Worte prall gefüllt mit Botschaften, vibrierende Inhalte, die bewusst und unbewusst gesendet werden und ankommen.

Das gleiche Recht für alle fängt damit an, dass man wahrgenommen wird und die Chance hat, angenommen zu werden. Gerechtigkeit wird gefühlt. Die Verbindung zu unseren Mitmenschen gibt uns Sicherheit. In einem Netz aus Mitgefühl sind wir aufgehoben. Wir sind vor den Kopf gestoßen, wenn wir nicht beachtet werden. Und das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern mit Ungerechtigkeit.

Wir tun viel, um angenommen zu werden. Eine beliebte Strategie ist es, Leistung zu bringen. Werbespots sind Spiegel unserer Ängste: Auch die Oma muss fit sein für ihren Enkel und Leistung bringen, denn sonst ist er so enttäuscht.

Sind wir eine Gesellschaft im Kampfmodus, die Koch- und Chorduelle braucht? Andere abhängen und mobben? Immer stärkere Autos, die teilweise Darth Vader ähneln, um andere wegzudrängen? Oder will ich mich kennen lernen, Freude an mir und meinem Potenzial haben?

Ich wünsche mir, dass wir uns unserer Verbindungen zu anderen Menschen bewusster werden, sie pflegen, und, wenn es nicht geht, uns bewusst werden, warum wir uns nicht verbinden können.

Beim Singen merkt man besonders, dass „kämpfen“ und „präsent sein“ nicht dasselbe ist. Wer kämpft, muss sich schützen, hat eine Rüstung an, ist unflexibel und kann sich keine Offenheit leisten. Wer beim Singen kämpft, wird heiser und verliert Brillanz und Farben.

Vor kurzem habe ich einen Workshop gegeben, über Stimme, Ausdruck und Präsenz, bei Iglu, einer Anlaufstelle für obdachlose junge Menschen in Karlsruhe. Eine junge Frau, neunzehn Jahre alt, meinte leise: „Ich möchte lernen lauter zu sprechen, aber ich will nicht dominieren.“