24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Gleiche Rechte für alle: Gelebte Realität oder stetige Herausforderung?

Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofs, Karlsruhe


Bildnachweis: Andreas Anhalt

Bildnachweis: Andreas Anhalt

„Gleiche Rechte für alle“, wer würde das nicht unterschreiben? Nicht nur weil das Grundgesetz in Art. 3 an prominenter Stelle die Gleichheit zum unveränderlichen Kern unserer Grundordnung erklärt, sondern weil Gleichheit ein ganz unverzichtbarer Teil des Empfindens von Gerechtigkeit in ihrer auch ganz natürlichen Wahrnehmung der Menschen darstellt. Trotzdem ist es mit der Gleichheit keine ganz banale Sache. Allein, dass das Grundgesetz 1994 um einen entscheidenden Satz ergänzt wurde, der die Verpflichtung zur aktiven Förderung der Gleichberechtigung von Mann und Frau festhält, zeigt, wo die Tücken der Gleichheit stecken. Schon die schlichte Frage, ob und welche Belange der Staat als Anknüpfung für sein Handeln wählen darf, ist im Einzelnen Gegenstand vielfältiger Klarstellungen und Schärfungen durch (Verfassungs-)gerichte; erst recht fällt es schwer, Fragen der Ungleichbehandlung in der zivilen Welt, zum Beispiel zwischen Wirtschaftsbeteiligten, zutreffend einzuordnen. Ist es eine Frage der Ungleichbehandlung oder des freien Wettbewerbs, wenn Frauen beim Friseur für einen Kurzhaarschnitt mehr bezahlen müssen als Männer? Ist es eine Ungleichbehandlung, die der Regulierung bedarf, wenn ein Diskothekenbetreiber bestimmte Menschen nicht in sein Lokal lässt? Oder wenn ein Vermieter nur an alte oder an keinesfalls alte Menschen vermietet? Gleichheit setzt immer auch das Bewusstsein von Ungleichbehandlung voraus, an das die Förderung der tatsächlichen Gleichberechtigung zu Recht anknüpft.

Das Thema der Gleichheit in der Kunst aufzurufen, hat besondere Tücken. Denn die Kunst selbst entzieht sich – ebenfalls mit Verfassungsrang – jeder – jedenfalls staatlichen – Regulierung. Gleichwohl spielt sich Kunst immer auch im gesellschaftlichen Raum und damit unter Bürgerinnen und Bürgern ab. Und: Kunst setzt den oder die Künstlerin auf der einen und Betrachterinnen und Betrachter auf der anderen Seite voraus. Jedenfalls an diesen menschlichen Faktor muss wiederum die Gleichheitsfrage anknüpfen. Gerade im Bereich des Zugangs zu Kunst, sowohl aktiv als auch in der Konsumtion, werden Gleichheitsfragen aufgeworfen. Denn das Wort von der brotlosen Kunst hat seinen bitteren Hintergrund in der Tatsache, dass die Kunst es in sich trägt, nicht nach Gefallen und Verwertbarkeit zu fragen – jedenfalls nicht vorrangig oder gar ausschließlich. Damit sind dann vor allem auch Fragen der Förderung von Kunst beziehungsweise Künstlerinnen und Künstlern aufgeworfen. An dieser Schnittstelle zwischen Recht (auf Förderung) und Künstlerin setzt ein in der Republik wohl einmaliges Projekt an, dem sich Karlsruher Präsidentinnen (egal welcher Profession) mit der Auslobung des Hanna-Nagel-Preises verschrieben haben, der neben einem Preisgeld vor allem auch die Möglichkeit der Präsentation vorsieht. Interessant ist das „Suchprofil“: Künstlerinnen aus dem Regierungsbezirk Karlsruhe über 40 können sich bewerben. Warum diese dreifache (Frau, Karlsruhe, über 40) Einschränkung? Das hat einen faktischen und einen biographischen Grund: Faktisch werden aus den verschiedensten Gründen eher jüngere oder bereits arrivierte Künstler gefördert. Biographisch, weil Hanna Nagel (1907–1975) als eine Karlsruher Künstlerin prototypisches Beispiel für eine hohe Begabung ist, die aber durch das übliche Raster fiel. Als Mutter und Frau konnte sie sich in einer entscheidenden Phase ihres Lebens nicht in der Intensität der Kunst widmen, wie es andere können, die nicht in unmittelbarer Familienverantwortung stehen. Andererseits gibt es zurecht diese Familienphasen, die zu vielen weiblichen Biographien gehören. Deshalb auch die zunächst merkwürdig anmutende Altersbeschränkung: Gefördert werden sollen gezielt Frauen, die etwa nach einer Familienzeit wieder künstlerisch arbeiten und darauf angewiesen sind, (erneut) sichtbar im wahrsten Sinne des Wortes zu werden. Gerade in solchen Details der Förderung, aber auch der übrigen Zugänge zu Kunst zeigt sich: Ja, Gleichheit ist gelebte Realität. Aber auch Ja: Gleichheit ist eine Herausforderung für uns alle.