24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Gleiche Rechte für alle. Immer.

Kübra Gümüşay, Journalistin, Bloggerin und Netz-Aktivistin


Bildnachweis: Mirza Odabası

Bildnachweis: Mirza Odabası

In ruhigen Zeiten, in klaren, besonnenen Momenten fällt es vielen Menschen leicht, für gleiche Rechte für alle zu sein. Doch daran misst sich nicht unser Erfolg. Unser Erfolg als offene, plurale Gesellschaft misst sich in Zeiten der Krisen. Am Rausch. In Zeiten, in denen die Emotionen hochkochen. Was ist also, wenn wir uns im Rausch befinden? Im Rausch der Angst nach den schrecklichen Vorfällen in Köln in der Neujahrsnacht 2015/16? Nach den Attentaten in München und Ansbach? Nach Skandalen, nach Leid und Terror? Im Rausch werden wir taub für Feinheiten, Details, Differenzierungen und letztlich: die Realität. Im Rausch der Angst fällt es uns schwer, selbstbewusst für Komplexität, Differenzierung und die Rechte aller einzutreten. Denn es ist keineswegs einfach, nach der Neujahrsnacht in Köln davor zu warnen, nicht in jedem Nordafrikaner einen potenziellen Vergewaltiger zu sehen oder nach einem islamistischen Terroranschlag nicht in jedem Muslim einen Terroristen zu wähnen.

Dabei ist diese Haltung genau das, was wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten am dringlichsten brauchen werden in der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus: Mut zur Komplexität, Mut zur Differenziertheit. Selbstbewusstsein und Stolz im Umgang mit unserer gesellschaftlichen Pluralität und Diversität – und für den Schutz der Menschenrechte.

Doch ich finde, unser Problem ist: Im Rausch zögern wir mit unserer Haltung zu unseren Werten. Im Rausch führen wir Diskurse, die im Grunde beschämend sind. Im Rausch der Angst müssen sich plötzlich diejenigen verteidigen, die Geflüchteten ihre Hilfe angeboten haben, statt jene, die Heime anzündeten. Wir beobachten, wie Menschen ihre Humanität verteidigen müssen, statt andere ihre Inhumanität.

Doch es sind nicht nur die anderen, die sich schwer tun mit dem Verteidigen der Menschenrechte in Situationen der Angst, im Rausch. Auch wir, die wir uns auf der sicheren Seite glauben. Die Worte des Juristen Mehmet Daimagüler, einem engagierten und prominenten Nebenkläger im NSUVerfahren, beeindruckten mich hierbei sehr. In seinem Abschluss- Plädoyer im NSU-Verfahren adressierte er auch den strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft – und wurde währenddessen mehrfach unterbrochen. Einige der Gründe teilte er auf seinem Facebook- Profil, woraufhin zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer die Angeklagten beschimpften. Er reagierte darauf mit den Worten, dass er Beschimpfungen gegen die Angeklagten nicht dulden werde – denn jeder Mensch habe eine Würde und müsse dementsprechend behandelt werden. „Wenn (…) mein Plädoyer unterbrochen wird, weil der Angeklagte Wohlleben Kopfschmerzen hat, dann ist die Unterbrechung absolut richtig. Die Verhandlung ist für die Angeklagten viel belastender als für die anderen Verfahrensbeteiligten. Sie verbringen die Pausen in Zellen ohne natürliches Licht etc. Sie können sich nicht so regenerieren wie beispielsweise wir Anwälte. Ein Rechtsstaat manifestiert sich im anständigen Umgang mit jedem, auch und gerade im anständigen Umgang mit seinen Feinden.“

Gleiche Rechte für alle. Immer.