24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Der weiße Fleck der Musikgeschichte

Dr. Nanny Drechsler, Professorin für Musiktheorie an der Hochschule für Musik Karlsruhe


Bildnachweis: Peter Zechel

Bildnachweis: Peter Zechel

Margarete Mitscherlich stellte 1987 ihre wesentlichen Thesen zur Geschlechtergerechtigkeit unter das Motto: „Die Zukunft ist weiblich, oder es gibt sie nicht!“

Diese These begleitet seither mein berufliches und privates Leben; sie erscheint mir heute nach wie vor aktuell und ist zugleich ein Auftrag an unsere Gesellschaft im Horizont einer globalisierten Welt und Umwelt.

Schon als junge Studentin in Freiburg suchte ich immer wieder nach „Leben und Werk“ von künstlerisch tätigen Frauen und fand kaum wegweisende Antworten darauf im etablierten Kanon musikalischer Literatur und Aufführungspraxis. Da war offenbar ein großer weißer Fleck auf der Landkarte der Musikgeschichte: Warum?

Gehen wir daher einmal weit zurück in der Kulturgeschichte (man und frau könnte wohl auch bei Adam und Eva anfangen …) ins Jahr 1370. Giovanni Boccaccio, der bedeutende Vertreter des Renaissance- Humanismus in Italien und Autor des „Decamerone“, schrieb in seinem Buch „De claribus mulieribus“ (Über berühmte Frauen), Kunst sei dem weiblichen Geschlecht sehr fremd und solche Dinge seien eben ohne viel Begabung, die bei Frauen gewöhnlich sehr selten zu finden sei, ganz unmöglich.

Passieren wir im Sauseschritt die Jahrhunderte, so hat sich an dieser Einschätzung lange Zeit nicht viel geändert. Es wechselten zwar, musikalisch gesprochen, Tonarten, Rhythmen, Charaktere und Tempobezeichnungen, von dolce far niente bis furioso prestissimo, einer bisherigen, auch gewaltsamen Negation der weiblichen Kreativität, doch der basso ostinato blieb unantastbar – Frauen können keine Kunst als Schöpferin – oder er variierte kurzfristig als berühmt-berüchtigte Ausnahme einer Tätigkeit wider die „weibliche Natur“.

Bis in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Frage immer drängender wurde nach den Komponistinnen, Malerinnen, Dichterinnen, Schriftstellerinnen und Philosophinnen in Geschichte und Gegenwart, im umfassenden Verständnis des kritisch-politischen Befragens der Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg durch die sogenannte 68er-Bewegung.

Neue Fragen fordern neue Antworten, weitere Horizonte tauchen auf, die „weißen Flecke“ wurden in den letzten vier Jahrzehnten durch das Engagement vieler Frauen – zunehmend auch Männer – gefüllt mit Leben und Ideenreichtum der Frauenperspektiven. Es bleibt noch viel zu tun in diesem Sinne:

Wenn es wahr ist, dass Musikgeschichte in jeder Generation neu geschrieben werden muss, die künstlerische Gegenwart unsere gemeinsame Aufgabe der Zeitgenossenschaft ist, dann ist Geschlechtergerechtigkeit weiterhin ein wesentlicher, zukunftsweisender Auftrag für unser Kulturleben.