24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Wir brauchen Vorbilder

Britta Bergfeldt, Chancengleichheitsbeauftragte am KIT


Bildnachweis: Markus Breig, KIT

Bildnachweis: Markus Breig, KIT

Im Jahr 1903 wurde am Polytechnikum Karlsruhe die erste Studentin, Magdalene Meub, zugelassen, die später die erste approbierte Apothekerin Deutschlands wurde. Zwölf Jahre später wurde als erste Frau in Karlsruhe Irene Rosenberg in Chemie promoviert. Was hat sich in den vergangenen hundert Jahren getan? In Zahlen ausgedrückt nicht viel. Hätte Frau Rosenberg 15 Jahre später eine Professur angetreten und wäre dann der Anteil an Frauen unter den Studierenden, den Promovierten und Lehrstuhlinhaberinnen jedes Jahr um nur 0,5 % gestiegen, könnten wir jetzt von gleicher Teilhabe von Frauen und Männern reden. Leider ist das nicht der Fall. Bei den neun Technischen Universitäten der „TU9“ lag der Anteil der Frauen an den Professuren im Jahr 2015 bei ca. 16 %. Diese langsame Entwicklung, die das wissenschaftliche Potenzial einer großen Personengruppe ungenutzt lässt, ist auch der Politik aufgefallen. Seit den 90er Jahren gibt es Gleichstellungsbeauftragte und Gleichstellungsgesetze. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Wissenschaftsrat haben mit Selbstverpflichtungen und Gleichstellungsstandards die Chancengleichheit unterstützt. Die Universitäten bemühen sich, Frauen zu fördern und ihre Zahl in allen Qualifikationsstufen zu steigern. In Strategiepapieren sind dafür Ziele festgelegt.

Dennoch: Solange in uns allen Rollenbilder aktiv sind, solange es Verantwortliche gibt, für die Frauenförderung eine Pflicht ist und nicht auf der Gleichbehandlung von Menschen beruht, solange können auch politische und strategische Vorgaben nichts ändern. Wir brauchen Vorbilder: Wissenschaftlerinnen, die den Nachwuchs ihre Begeisterung für ihre Tätigkeit spüren lassen, und Führungskräfte, die ihren Beschäftigten die gleichen Chancen geben. Es gibt sehr viele Professorinnen und Professoren, die ihren wissenschaftlichen Nachwuchs unabhängig vom Geschlecht fördern und dabei auch noch unterstützend auf Lebenslagen eingehen. Ich selbst hatte das Glück, in Karlsruhe auf einen solchen Doktorvater zu stoßen, und ich verdanke ihm sehr viel.

Ich habe mein Amt als Chancengleichheitsbeauftragte am KIT übernommen in der Hoffnung, dieses Amt überflüssig zu machen. Inzwischen glaube ich zwar nicht, dass ich das noch aktiv erlebe, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.