24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Umbrüche, Aufbrüche: Gleiche Rechte für alle

Dr. Susanne Asche, Leiterin des Kulturamtes der Stadt Karlsruhe und Peter Spuhler, Generalintendant des Staatstheaters Karlsruhe


Bildnachweis: Johannes Wiesel

Bildnachweis: Johannes Wiesel

Die 24. EUROPÄISCHEN KULTURTAGE 2018 nehmen in ihrem Titel „Gleiche Rechte für alle“ Bezug auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 und den Gleichheitsartikel 3 im Grundgesetz von 1949. Die Umbrüche und Aufbrüche, derer wir 2018 gedenken, haben den Weg in eine auf allgemeinen und gleichen Rechten gegründete Gesellschaft gebahnt. Wir verlängern diese historische Linie in unsere Gegenwart. „Gleiche Rechte für alle“ – ist das heute eine Tatsachen feststellung, eine Forderung oder eine Frage? Geht es um historische Forderungen der großen europäischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, derer sich die Welt gemeinschaft nach den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nochmals zu versichern versuchte? Oder geht es um aktuelle Auseinandersetzungen über die Gültigkeit der Menschenrechte für alle, ob Staatsbürgerinnen, Staatsbürger oder Staatenlose?

Vor 200 Jahren, 1818, trat die Badische Verfassung in Kraft, 1848/49 erschütterte eine demokratische Revolution Europa, die in Baden 1849 für eine sehr kurze Zeit die erste Republik brachte. Die Revolution von 1918 mündete in Deutschland in die Weimarer Republik, in der erstmals auch Frauen die volle politische Gleichberechtigung erhielten. Am 10. Dezember 1948 verkündeten die vereinten Nationen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. 1948 nahm der Parlamentarische Rat seine Arbeit auf, um das Grundgesetz zu erarbeiten, in dem zum ersten Mal Frauen neben der politischen auch die volle gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung zugesichert wurde. Erst 1958 trat das durch das Grundgesetz von 1949 geforderte Gleichberechtigungsgesetz in Kraft.

1968 kam es europaweit zu Unruhen, in denen eine junge Generation neue Werte definierte, mehr soziale Gerechtigkeit forderte und sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung bestimmter Menschengruppen wehrte. 1968 markierte zudem den Beginn der neuen Frauenbewegung. Für die EUROPÄISCHEN KULTURTAGE sind diese Jubiläen Anlass, mit den Mitteln von Kunst und Kultur zu fragen, wie es im heutigen Europa um den Kampf für gleiche Rechte für alle steht.

Mit der Proklamation der Menschenrechte als Naturrechte Ende des 18. Jahrhunderts wurde zugleich definiert, wer nicht dazugehören sollte, wem diese nicht in vollem Umfang zugestanden wurden – den Juden, den Frauen, den Nicht-Europäern. Es bedurfte langer Auseinandersetzungen, weiterer Aufbrüche und vieler Kämpfe, in Europa die Menschenrechte und volle Gleichberechtigung für alle gelten zu lassen. Dieser dynamische Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Anfang November 2017 hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vom Gesetzgeber verlangt, für Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann fühlen, die Möglichkeit zu schaffen, sich anders zu definieren. Damit erreicht auch die Diskussion um Gleichstellung eine weitere Stufe.

Wie sehr das Thema „Gleiche Rechte für alle“ die Menschen bewegt, belegen die zahlreichen, in diesem Programmbuch zu findenden Statements von Karlsruher Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen, aus Recht, Wissen schaft, Kultur, Sport, Religion und Medien.

Gefährdung durch digitale Kommunikation?

Derzeit stehen die demokratischen Errungenschaften vor großen Gefährdungen. Der wachsende Populismus zielt darauf, für manche Gesellschaftsgruppen die Rechte wieder einzuschränken und manche Menschengruppen vollkommen auszuschließen. In einzelnen Staaten Europas lässt sich derzeit verfolgen, dass Regierungen die Meinungsfreiheit einschränken, die Freiheit der Presse beschneiden und Verfassungsgerichte schwächen. Populistische Bewegungen und autokratische, demokratiefeindliche Regimes betrachten die Medien als Feinde, wie es auch die Trump-Regierung in den USA aggressiv vertritt. Aktuell beobachten wir, wie in ganz Europa Parteien in die Parlamente einziehen, deren Politik sich explizit gegen die Menschenrechte richtet. Die Entwicklungen in der Türkei zeigen ebenso wie Ereignisse in den USA, wie bedeutend die Balance demokratischer Institutionen und eine unabhängige Justiz für die Wahrung gleicher Rechte für alle sind.

Manche Menschen verlangen verstärkt nach Identitätsstiftung, die ab- und ausgrenzt und damit die Gleichberechtigung aller Menschen in Frage stellt. Wie gehen wir damit um? Die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation erleichtern den populistisch Agierenden die Verbreitung ihrer unwahren, verleumderischen und Angst und Hass schürenden Behauptungen. Sie erleichtern dies auch dem Terror – jeder Terror braucht die Öffentlichkeit, um Schrecken zu verbreiten und so neue Anhänger und Mittäter zu gewinnen. Die digitale Welt eröffnet jedem Individuum die Massenkommunikation. Sie schafft so scheinbar gleiche Rechte für alle und führt gleichzeitig zu Verwerfungen beim Schutz der Rechte Einzelner: Denunziationen, Bedrohungen, Hassreden sind möglich, ohne dass sich die Verfasser als Autoren zu erkennen geben müssen. Die digitalen Umbrüche müssen sich also in ihrer Wirkung auf die Grundrechte überprüfen lassen.

Das Programm der 24. EUROPÄISCHEN KULTURTAGE spannt einen weiten Bogen und erlaubt in seiner Vielfalt für jede und jeden einen neuen, künstlerisch geschärften Blick auf die mit Geschichte gesättigten Fragen der Gegenwart. Das Festival beginnen wir im Zentrum der Stadt, im Schloss. Geplant und gebaut als geographische und ideologische Mitte Karlsruhes, als Residenzschloss, dient es seit 1919 als Badisches Landesmuseum. Aus dem verschlossenen Ort des Herrschens ist ein für alle offener Ort der Bildung und Unterhaltung geworden. Ausgehend vom ehemaligen Thronsaal, dem Raum, der am 11. November 1918 vom Obermatrosen a. D. Heinrich Klumpp während der Novemberrevolution beschossen wurde, führt die interaktive Ausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“ durch Geschichte und Mechanismen der Revolutionen von 1848/49 bis hin zum Arabischen Frühling.

Wie weit unsere Gesellschaft im Kampf um gleiche Rechte für alle ist, erläutert Bundesverfassungsrichterin Prof. Dr. Susanne Baer in ihrer Festrede im zweiten Teil der Eröffnung, der im Bürgersaal des Rathauses stattfindet. Dort und in Vorgängerbauten tagt seit 300 Jahren der Gemeinderat, also die gewählte Vertretung der Bürgerschaft.

Im dritten Teil der Eröffnung stehen Bürger selbst auf der Bühne – genauer: Bürgerinnen. Sie haben sich für das Stück „Radikale Akte“ der Volkstheatersparte des Badischen Staatstheaters mit revolutionären Frauen in Karlsruhe und der Welt beschäftigt und setzen sich mit ihren eigenen Ansprüchen auseinander. Danach klingt der Eröffnungsabend mit Songs aus dem 68er-Musical „Hair“ aus.

Der Badische Kunstverein feiert während der EUROPÄISCHEN KULTURTAGE seinen 200. Geburtstag. Er ist der drittälteste Kunstverein in Deutschland und zeigt eine Retrospektive des polnischen Künstlerduos KwieKulik, das von Polen aus auch die europäische Avantgarde beeinflusste. Die Städtische Galerie stellt zwei der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart aus, die Südafrikanerin Marlene Dumas und die Deutsche Rosemarie Trockel. Außerdem wird in der Städtischen Galerie der Hanna-Nagel-Preis 2018 an die Karlsruher Künstlerin Nina Laaf verliehen, gestiftet von den Karlsruher Präsidentinnen in Erinnerung an die bedeutende Malerin der Neuen Sachlichkeit.

Der Bezirksverband Bildender Künstlerinnen und Künstler stellt unter dem Titel „Open Borders“ politischkünstlerische Positionen aus Karlsruhe und seinen Partnerstädten Nancy, Nottingham, Temeswar, Krasnodar und Halle in der Orgelfabrik vor. Eine Künstlerin und drei Künstler des Fotokollektivs Blickwechsel zeigen „Revolutionen im Fokus“. Die Fotoausstellung „Gleiches Recht auf Glück. Inklusion leben“ ist im Tollhaus zu sehen. Die Gedok veranstaltet eine Gruppenausstellung von Flower-Power zu Instagram: „Botox für alle – zu Risiken und Nebenwirkungen: fragen Sie!“. Das ZKM richtet im Rahmen seiner Ausstellung „Open Codes“ eine Konferenz zu „Digitalen (D)Effekten“ aus.

Zwei historische Ausstellungen schöpfen aus dem reichen Sammlungsbestand Karlsruhes. Das Stadtmuseum dokumentiert im Zeitzeugenprojekt „Bewegt Euch! 1968 und die Folgen“ die Geschichte der sozialen Bewegungen der vergangenen 50 Jahre in Karlsruhe. Das Museum für Literatur erinnert an den in Karlsruhe geborenen jüdischsozialistischen Schriftsteller Gustav Landauer und an seine Frau Hedwig Lachmann, die Dichterin und Oscar- Wilde-Übersetzerin. Mit seinem Vortrag „‚Es blüht im Lande Baden ein Baum ganz wunderbar‘. Die Verfassung von 1818“ ist der Heidelberger Historiker Prof. Dr. Frank Engehausen im Generallandesarchiv zu Gast im Rahmen der Ausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818–1919“, die aus Anlass des doppelten Verfassungsjubiläums 2018 und 2019 die politische Teilhabe der badischen Bevölkerung bis hin zur Volkssouveränität in den Mittelpunkt stellt.

Umbrüche und Aufbrüche werden oft durch neue Medien begleitet – und ermöglicht. Der eben erfundene Stummfilm stand Pate bei den europäischen Revolutionen der Jahre 1917 bis 1919 und ihrer filmischen Verarbeitung, besonders in der Sowjetunion. Die feministische Revolution der Jahre nach 1968 wurde wesentlich befördert durch Filmemacherinnen. So hat die Kinemathek für die EUROPÄISCHEN KULTURTAGE die historische Reihe „Moving Bodies – Gender und Feminismus im Film“ zusammengestellt mit Werken von Chantal Akerman, Agnès Varda und Vera Chytilova. Filmemacherinnen wie Monika Treut und Nicolette Krebitz werden ihre Filme persönlich zur Diskussion stellen. Die Karlsruher Independent Days zeigen eine Programmauswahl aus aktuellen Filmen der diesjährigen Filmfestspiele und vergeben den Female Award für die beste weibliche Regie. In Zusammenarbeit mit der Kinemathek zeigt das Staatstheater den sowjetischen Stummfilm „Das neue Babylon“, der zur Zeit der Pariser Commune 1871 spielt und dessen Vorführung durch die Open Source Guitars mit Motiven von Dmitri Schostakowitsch live begleitet wird.

Keine Revolution ohne Musik und Literatur: Die Hochschule für Musik geht in ihrem Konzert zurück zu musikalischen Aufbrüchen nach 1618, dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Die Gedok präsentiert Komponistinnen, deren Nachlässe in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt werden; auch das Studio Vocale lädt zu einem Komponistinnen-Konzert ein. Heike Bleckmann stellt in der „Insel“ die englische Komponistin und Suffragette Ethel Smyth vor. Florian Steininger erinnert an Frederic Rzewskis monumentale Variationen über das chilenische Protestlied „El pueblo unido“. Das Badische Konservatorium ist im „Poetry Jazz“ ganz Gegenwart – Poetry Slam meets Jazz Session. In der Stadtbibliothek liest Ulrike Gramann aus ihrem Roman „Die Sumpfschwimmerin“ über die Wende 1989 aus östlicher Frauen-Perspektive. Und für einen kabarettistisch virtuosen musikalischen Abschluss der 24. EUROPÄISCHEN KULTURTAGE sorgen die Dakh Daughters aus der freien Szene einer Ukraine im Umbruch.

Das Staatstheater zeigt Positionen politischen Theaters: Aus Teheran kommt mit „I am a woman. Do you hear me?“, eine Inszenierung über Frauenschicksale mit sieben persischen Schauspielerinnen ins Kleine Haus. Geflüchtete Schauspieler und Autoren aus Syrien haben in Deutschland das Kollektiv Ma’louba gegründet und präsentieren zwei Stücke, die die Situation von Frauen und Männern beschreiben, die in der bürgerkriegserschütterten Heimat geblieben sind. Im Beiprogramm präsentieren sie einen Dokumentarfilm und Ausschnitte aus der regimekritischen, satirischen Internet- Serie mit Puppen „Top Goon“. Das Zusammenspiel von Russischer Revolution und Kunst der Avantgarde ruft das musiktheatralische Ritual „Madame Lenin“ wach. „Tiger und Löwe“, eine Koproduktion des Staatstheaters mit dem Royal District Theatre in Tiflis, erinnert beispielhaft an die auf der Bühne bisher nicht gezeigte Geschichte von über 200 Schriftstellern, Künstlern, Musikern und Theaterleuten, die während der stalinistischen Gewaltherrschaft in Georgien ermordet wurden. Weltbekannt ist das Musical „Hair“, das Flower-Power-Stück schlechthin, das seit genau 50 Jahren das Publikum dazu aufruft, in ein neues Zeitalter aufzubrechen. Welche Auswirkungen die Studentenrevolution auf die Karlsruher 68er und ihre Kinder hatte, dokumentiert die werkgruppe2 in ihrem Stück „Die Ehen unserer Eltern“. Wie Jugend sich von Aufbrüchen in die falsche, menschenverachtende Richtung verführen lässt, demonstriert im Jungen Staatstheater die Theaterfassung von „Jugend ohne Gott“, Ödön von Horvaths Roman über Intoleranz und verschwindenden Humanismus.

Auf Revolutionen in Karlsruhe seit seiner Gründung weisen thematische Stadtrundgänge von stattreisen hin. Die Volkshochschule führt auf die Spur der Frauenrechtlerin Henriette Obermüller, musikalisch begleitet von Kompositionen der Vormärz-Komponistin Johanna Kinkel. Ein Karlsruher Meilenstein ist die Gründung des ersten Mädchengymnasiums Deutschlands vor 125 Jahren. Schülerinnen und Schüler aus den Nachfolgeschulen Fichte- und Lessing-Gymnasium bilden eine „Achse der Mädchenbildung“ zwischen beiden Schulen. Im öffentlichen Raum macht auch „Critical Mass Karlsruhe“ auf ihre Forderung nach mehr Rechten für Radfahrer aufmerksam. Die Stiftung Centre Culturel Franco-Allemand befragt Sinn und Wirkungsmöglichkeiten von öffentlichem Protest an sich in einer Gesellschaft des Spektakels: Die partizipative „Parade du Oui et du Non“ führt vom Europaplatz zum Schlossplatz.

Im Zentrum der diesjährigen EUROPÄISCHEN KULTURTAGE stehen insbesondere die Rechte und Handlungsspielräume der Frauen. So lädt das Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaften am KIT zu einem Symposium ein, um die Verwirklichung ebendieser in Deutschland und international auf den Prüfstand zu stellen. Die amerikanische Romanistin Kristin Ross spricht im Centre Culturel Franco-Allemand zu „May 68 and Its Afterlives“. Im Internationalen Begegnungszentrum stellt sich Verfassungsrichterin Prof. Dr. Susanne Baer mit dem Thema „Frauenrechte und Religionsfreiheit“ den Kommentaren von Vertreterinnen unterschiedlicher Religionen. Die Rechte der Frau sind ein Teil der Grundrechte, die seit 1951 von Karlsruhe aus vom Bundesverfassungsgericht gehütet und immer wieder neu ausgelegt werden. Die an sich schon offene Institution zeigt sich mit thematischen Führungen zum Thema Menschenrechte noch transparenter. Das Projekt „Baustelle Zukunft: Take your Rights“ des Stadtjugendausschusses arbeitet mit Bundesverfassungsrichterinnen und -richtern zum Thema Menschenrechte und stellt die Ergebnisse zum Festivalabschluss im Tollhaus vor. Für das zweite pädagogische Projekt melden sich mit Interventionen eine gemischte Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus Vorbereitungsklassen der Pestalozzi-Schule, Mitglieder des Kunstraums „Cola Taxi Okay“ und Geflüchtete sowie Jugendliche aus Baden-Württembergs erstem queeren Jugendzentrum, dem La Vie.

Bei „Zum Abschluss: Aufbrechen!“, werden am 5. Mai, dem Europatag, im Tollhaus die Akteure und Institutionen der 16 Festivaltage gemeinsam mit dem Publikum das Festival beschließen. Wir danken schon jetzt allen Mitwirkenden der EUROPÄISCHEN KULTURTAGE und den künstlerisch-organisatorischen Vorbereitungsteams im Kulturamt und im Staatstheater. Wir wünschen uns ein Festival, das Umbrüche und Aufbrüche nicht nur thematisiert, sondern in Gang setzt – und heißen Sie, die Besucherinnen und Besucher, dazu herzlich willkommen!