24. Europäische Kulturtage 2018, 20. April - 5. Mai 2018

20. April – 5. Mai 2018

Umbrüche, Aufbrüche

Von Aufbrüchen und Umbrüchen – Chancen und Gefährdungen – Zwei Lebensläufe

Dr. Susanne Asche, Leiterin des Kulturamtes der Stadt Karlsruhe


Bildnachweis: 8/PBS oIII 1843 Stadtarchiv Karlsruhe, Bundesbildstelle Berlin

Rahel Straus, Erna Scheffler
Bildnachweis: 8/PBS oIII 1843 Stadtarchiv Karlsruhe, Bundesbildstelle Berlin


Zwei Lebensläufe, die eng mit der Geschichte Karlsruhes verbunden sind, stehen exemplarisch für das Thema der 24. EUROPÄISCHEN KULTURTAGE 2018. Beide Lebensläufe haben viel mit dem zu tun, welche Chancen gesellschaftliche und politische Aufbrüche für das Individuum bieten und welchen Gefährdungen es mit Umbrüchen ausgesetzt ist.

Der erste Lebenslauf beginnt mit einem Zitat:

„Introite nam et hic dii sunt –
tretet ein, auch hier sind Götter“.

Diesen Leitspruch, den Lessing seinem „Nathan“ vorausschickt, wählte Rahel Goitein als Grundgedanken für ihre Abiturrede, die sie 1899 in Karlsruhe in den Räumen des heutigen Fichte- Gymnasiums hielt. Die den Worten zugrundeliegende Emphase war durchaus angebracht, denn es war das erste Mal in Deutschland, dass eine Frau eine Abiturrede hielt. Mit der Wahl dieses Leitsatzes verband die Rednerin zudem implizit die Emanzipation der Juden mit der der Frauen und knüpfte an das große Versprechen der Aufklärung an, die im ausgehenden 18. Jahrhundert die allgemeine Emanzipation aller Menschen, also auch die der jüdischen Minderheit und die der weiblichen Mehrheit, als Möglichkeit aufscheinen ließ.

Doch zurück zum Lebenslauf: Sechs Jahre vor der Abiturrede – im September 1893 – war in der Residenzstadt Karlsruhe unter den Augen der gebannten Öffentlichkeit des Deutschen Kaiserreiches das erste Gymnasium für Mädchen in Deutschland eröffnet worden, sechs Jahre später wurden die ersten Abiturprüfungen abgenommen und damit wesentliche Grundsteine für die wissenschaftliche und Bildungs- Emanzipation der Frauen gelegt. Nun war auch ihnen die Chance eröffnet, mündige Bürgerinnen zu werden.

Eine der ersten Abiturientinnen war die eben zitierte Rahel Goitein. Sie kam 1880 in Karlsruhe als Tochter des Rabbiners der orthodoxen Karlsruher Gemeinde zur Welt. Ihre früh verwitwete und daher allein erziehende Mutter unterstützte ihren Wunsch, das neu gegründete Gymnasium zu besuchen. Nach dem Abitur studierte sie als eine der ersten Frauen in Heidelberg Medizin. Sie heiratete den ebenfalls aus Karlsruhe stammenden Elis Straus, mit dem sie fünf Kinder hatte, und eröffnete in München eine Arztpraxis. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh sie 1933 – inzwischen verwitwet – mit ihren beiden jüngsten Kindern nach Palästina. Rahel Goitein, verheiratete Straus, war Zionistin und überzeugt von der friedensvermittelnden Aufgabe der Frauen. Im Jahr 1952 rief sie die „Women International League for Peace and Freedom“ mit ins Leben. Sie starb im Mai 1963 in Israel.

Der zweite Lebenslauf beschreibt die Geschichte der 13 Jahre jüngeren Erna Scheffler, geborene Friedenthal. Sie war die erste Richterin am Bundesverfassungsgericht. Ihr ist zu verdanken, dass durch die Mithilfe des Bundesverfassungsgerichts der Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ auch in der Rechtsordnung, das heißt im Arbeitsrecht, Familienrecht und Sozialrecht verankert wurde.

Sie kam 1893 im damaligen Breslau zur Welt, auch ihre Mutter wurde früh Witwe. Das Abitur legte Erna Scheffler als Externe an einem Knabengymnasium in Ratibor ab, weil es in Preußen keine Mädchengymnasien gab. Sie studierte 1911 bis 1914 Jura an den Universitäten Heidelberg, München und Berlin und beschloss ihr Studium mit einer Promotion in Breslau. Das erste und zweite Staatsexamen waren ihr als Frau verwehrt. Ihre erste Ehe scheiterte, sie wurde alleinerziehende Mutter einer Tochter. In der Zeit der Weimarer Republik war es ihr dann möglich, das erste und zweite Staatsexamen abzulegen. Im Alter von 35 Jahren wurde sie eine der ersten Richterinnen in Deutschland, aber 1933 als sogenannte Halbjüdin wieder entlassen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus erlebte sie versteckt in einer Laubenkolonie. Sie heiratete 1945 den Kammergerichtsrat Georg Scheffler, der ihr in der Zeit der Verfolgung immer zur Seite gestanden hatte, kehrte zurück in die Gerichtsbarkeit und wurde im September 1951 zur ersten Bundesverfassungsrichterin ernannt.

Beide Lebensläufe, die Geschichte beider Frauen, sind aufgenommen in das kulturelle Erbe und in das historische Bewusstsein unserer Stadt. Straßen sind nach ihnen benannt, ihre Leistungen und ihre Leben sind in den Publikationen des Stadtarchivs zu finden.

Beide Lebensläufe erzählen von dem Gelingen des Aufbruchs in die Mündigkeit und zugleich von den Gefährdungen, denen die Rechte des Individuums und damit die Errungenschaften gesellschaftlicher Aufbrüche immer wieder ausgesetzt sein können und ausgesetzt waren.

Wenn Karl Marx‘ Satz, dass sich die Entwickeltheit einer Gesellschaft an der Stellung der Frauen in ihr bemesse, stimmt – und ich stimme ihm hier zu –, dann erzählen diese beiden Lebensläufe viel von gesellschaftlichen Aufbrüchen, die plötzlich wieder zurückgenommen werden – aber auch von den Chancen, von dem Neubeginn, die jedem Individuum innewohnen können.

Um dieses Spannungsfeld geht es in unseren EUROPÄISCHEN KULTURTAGEN 2018, die damit auch zentrale Momente des Kulturkonzeptes 2025 der Stadt Karlsruhe aufgreifen. Das Bekenntnis zum Individuum und sein Recht auf Kultur haben wir zum Ausgangs- und Zielpunkt der Kulturleitlinien erklärt. Diesem Konzept ist eine Kulturerklärung vorangestellt, die ein Bekenntnis zur Freiheit der Kunst, zur Internationalität der Stadt sowie zur Vielfalt und Diversität der Lebensentwürfe enthält.

Damit ist ein klares Bekenntnis und ein Auftrag formuliert gegen jegliche Form von Populismus, Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus, Ausgrenzung und Antifeminismus. Und dass das alles nicht selbstverständlich ist, erleben wir derzeit in manchen Gegenden Europas, an den Grenzen Europas, in den USA.

Wenn wir uns mit Aufbrüchen und Umbrüchen befassen, ist eines auffällig: Es wiederholt sich eine immer wieder zu beobachtende Entwicklung, die seit dem Aufscheinen der Aufklärung und der rechtlichen Durchsetzung ihrer Ideen zu beobachten ist. Auf Zeiten des Aufbruchs, der Erweiterung von Wissbarkeiten und der Lust des Sich-neu-Erfindens folgen Gegenbewegungen der Abgrenzung, des Ausschlusses und der Neukonstruktion von Identität – meist einer männlichen Identität.

Es war ja nicht Hölderlins Lust der Erneuerung, die sich nach 1789 durchsetzte, und es waren auch nicht die Ideen des dem Toleranzgedanken verpflichteten Dichters der Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing. Es waren die Ideen anderer Denker und Dichter, die eine Antwort auf die napoleonische Besetzung, aber vor allem auf die Ideen der Rechtsgleichheit formulierten. Achim von Arnim, Clemens Brentano, Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte und andere gründeten beispielsweise 1811 die christlich-deutsche Tischgesellschaft, und ihr Kern bestand darin, sich gegen Philister zu wenden, vor allem aber gegen Juden, und die Frauen auszuschließen.

Damit war das Grundmuster gelegt für das antiaufklärerische Denken des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Und es war ein Muster gelegt für eine mögliche antiaufklärerische Existenz des Intellektuellen, des Denkers und Dichters. Eine Selbstkonstitution durch Ausschluss des als anders Definierten …

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass die beiden Gymnasien, die mit der Geschichte des ersten Mädchengymnasiums zusammenhängen, nach Fichte und nach Lessing benannt wurden – nach einem Denker der Abgrenzung – Fichte – und einem Denker der Aufbrüche ins Offene – Lessing.